Weimar/Tröbsdorf. Für rund 100 Branchenexperten öffnete am 20. März 2019 das neue Technikum für Baustoffrecycling am IAB – Institut für Angewandte Bauforschung erstmalig seine Tore. Dieses soll im April als Pilotanlage für Forschungszwecke in Betrieb gehen und verheißt einen Quantensprung bei der Wiederverwertung von Baureststoffen.

Bild Eröffnung Technikum für Baustoffrecycling am IAB Weimar

Eröffnung des neuen Technikums für Baustoffrecycling am IAB Weimar im Rahmen des 4. RIS3-Forums

IAB setzt neue Maßstäbe beim Baustoffrecycling

Technikum geht im April in Weimar/Tröbsdorf in Betrieb

Präsentiert wurde das Recycling-Technikum von Institutsdirektor Dr. Ulrich Palzer im Rahmen des 4. RIS3-Forums Ressourceneffizienz „Stoffkreisläufe in der Baustoffindustrie“, dessen Sprecher Dr. Palzer ist. Das RIS3-Forum ist Teil der Thüringer Innovationsstrategie und verfolgt das Ziel, FuE-Aktivitäten im Freistaat Thüringen zu initiieren und zu steigern.

Die Pilotanlage kann unterschiedlichste Baureststoffe in einer Weise aufbereiten und in den Stoffkreislauf zurückführen, wie es bisher noch nicht möglich ist, betonte Ulrich Palzer. Von besonderem Interesse sind die technischen Innovationen auch deshalb, weil in Zeiten des Baubooms einerseits Baustoffe rarer und teurer werden und andererseits Baureststoffe den größten Anteil am Abfallaufkommen in Deutschland ausmachen.

Bild Technikum Baustoffrecycling IAB Weimar

Das neue Technikum für Baustoffrecycling am IAB Weimar

Quantensprung bei der Wiederverwertung von Baustoffen

Bisher werden im Vergleich zu den Ausgangsmaterialien meist deutlich minderwertigere Recyclingbaustoffe hergestellt. Die so entstehenden Endprodukte sind bestenfalls für den Unterbau im Straßenbau nutzbar. Im IAB-Recycling-Technikum gelingt, was zurzeit nur bei weniger als fünf Prozent der ausgedienten Baustoffe möglich ist: Dort wird aus Abfall ein mindestens gleichwertiges und teilweise sogar höherwertigeres Material, erläuterte Ulrich Palzer. Doch es werden nicht nur Rohstoffe geschont. Wie Berechnungen der IAB-Forscher ergaben, sind auch deutliche Kostenersparnisse möglich. So seien Leichtgranulate, die beim Hightech-Recyceln gewonnen werden, um ein Drittel kostengünstiger als jene, die aus natürlichen Rohstoffen hergestellt sind, erklärte Palzer.

Für die Leichtgranulat-Herstellung kommt ein Bauschuttgemisch aus Ziegeln, anderen Wandbaustoffen sowie Mörteln und Putzen zum Einsatz. Gips stört bei dem neu entwickelten Verfahren nicht. Vielmehr wird er durch die thermische Behandlung zersetzt und als Recyclinggips zurückgewonnen. Neben Leichtgranulaten können auch kalzinierte Tone, die Zemente  und Zusatzstoffe bei der Betonherstellung substituieren sollen, produziert werden.

Bild Drehrohrofen IAB Baustoffrecycling

Herzstück der neuen IAB-Anlage für Baustoffrecycling: der Drehrohrofen

Herzstück des IAB-Recycling-Technikums: der neu entwickelte Drehrohrofen

Herzstück der Anlage ist ein Drehrohrofen, den das IAB gemeinsam mit der Weimarer Firma Ibu-Tec entwickelt hat. Die erste Zusammenarbeit der beiden Unternehmen seit rund 15 Jahren soll dazu führen, dass sie künftig wieder intensiver kooperieren. Damit finden der Spezialist für Drehrohröfen und der Experte für Baustoffrecycling, mit dem sich bundesweit nur sehr wenige messen können, quasi vor der eigenen Haustür erneut zueinander.

Die IAB-Pilotanlage dient als Vorbild für Anlagen, wie sie später in Recycling-Unternehmen stehen könnten. Der gesamte Prozess von der Grobzerkleinerung der Bauabfälle im Backenbrecher, über die Klassierung, das Mahlen der Brechprodukte und die Formgebung mittels Granulierteller bis hin zur thermischen Behandlung im Drehrohrofen kann praktisch erprobt werden. Die Anlage gehört zu dem sich im Aufbau befindenden Thüringer „Innovationszentrum für Wertstoffe“, das an der Hochschule in Nordhausen angesiedelt ist. Sowohl die Halle als auch die technische Infrastruktur kosteten jeweils rund zwei Millionen Euro. Dafür erhielt das IAB etwa 3,6 Millionen Euro Fördermittel vom Land Thüringen und vom Bund.

Ganz ohne Fördermittel ist „nebenbei“ noch das Buch „Baustoffrecycling“ entstanden, in dem die am Institut beschäftigte Expertin Prof. Dr. Anette Müller eine umfassende Darstellung zu diesem Fachgebiet gibt und eine „Recyclingkunde“ als Erweiterung der Baustoffkunde oder Teilgebiet der Verfahrenstechnik fordert. Vielleich trägt diese Herangehensweise dazu bei, die seit Jahrzehnten allein auf den Schadstoffaspekt ausgerichtete Betrachtung von Recycling-Baustoffen zu überwinden oder zumindest in Frage zu stellen.

12.04.2019